Stadt ohne Juden
- 20:30 Uhr
Regie: Hans Karl Breslauer, A 1924, 87 min
Es war einer der wichtigsten Filmfunde der letzten Jahre – auf einem Pariser Flohmarkt sind die seit über 90 Jahren verschollenen Teile des österreichischen Stummfilms DIE STADT OHNE JUDEN aufgetaucht. Als das Filmarchiv Austria 2016 die Wiederentdeckung der lange vermissten Szenen vermelden konnte, löste dies weltweite mediale Resonanz aus. Der 1924 in Wien gedrehte Stummfilm zeigt in beklemmender Voraussicht die kulturelle und wirtschaftliche Verarmung einer Stadt nach Vertreibung der jüdischen Bevölkerung.
Wir zeigen den Film erstmalig in Chemnitz als Kooperation zwischen den Tagen der jüdischen Kultur, dem Clubkino Siegmar und der Sunrise Foundation, die die beiden amerikanischen Musiker unterstützt, die den Film live vertonen werden. Der Film wird mit Live-Originalmusik gezeigt, komponiert und gespielt von der weltberühmten Klezmer-Geigerin Alicia Svigals und dem gefeierten Stummfilm-Pianisten David Sosin.
Zum Film:
Der Staat Utopia wird von Arbeitslosigkeit und einer rasch fortschreitenden Inflation heimgesucht. Während die Lebensmittelpreise explodieren, demonstrieren die Massen in den Straßen. Die antisemitischen Großdeutschen, allen voran die beiden Abgeordneten Rat Bernart und Volbert, nehmen diese Situation zum Anlass, den Juden die Schuld an der Misere zu geben. In einer Parlamentssitzung wird ihre Ausweisung beschlossen …
Gerhard Gruber: »Der Film verlangt eine behutsame Herangehensweise in Sachen Musik. Sie begleitet die Schicksale der einzelnen Menschen, umreißt die großen Erzählbögen und setzt auch ironische Akzente. Im gesamten Duktus meiner Klavierbegleitung möchte ich auf die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen hinweisen und auf die Gefahr, kollektive Meinungen unreflektiert zu übernehmen.«
Zu den Musiker*innen:
Alicia Svigals und Donald Sosin begeistern mit ihren einzigartigen und mitreißenden Violinen- und Klavierkompositionen für Stummfilme mit jüdischen Themen das Publikum in den USA und Europa. Sosin ist einer der weltweit besten Stummfilmmusiker, Svigals ist die weltweit führende Klezmer-Violinistin und Gründerin der Grammy-prämierten Band Klezmatics. Nachdem sie sich auf einem Stummfilmfestival in Italien kennengelernt hatten, nahmen die beiden bald ihre erste Originalpartitur für den deutschen Film Das alte Gesetz aus dem Jahr 1923 auf.
Die Geigerin und Komponistin Alicia Svigals ist die weltweit führende Klezmer-Geigerin. Sie hat mit dem Violinisten Itzhak Perlman gespielt und für ihn komponiert und mit dem Kronos Quartet, den Dramatikern Tony Kushner und Eve Ensler, dem Dichter Allen Ginsburg, Robert Plant und Jimmy Page von Led Zeppelin, Debbie Friedman und Chava Albershteyn zusammengearbeitet. Svigals wurde für ihre Originalmusik zum Film „The Yellow Ticket” aus dem Jahr 1918 mit einem Auftrag der Foundation for Jewish Culture ausgezeichnet und ist MacDowell-Stipendiatin. Zusammen mit dem Jazzpianisten Uli Geissendoerfer veröffentlichte sie kürzlich „Beregovski Suite”, eine Aufnahme mit zeitgenössischen Interpretationen von Klezmer-Musik aus einem lange verschollenen sowjetisch-jüdischen Archiv. Ihre CD „Fidl” (1996) hat die Tradition der Klezmer- Geige wiederbelebt. Ihre neueste CD ist „Beregovski Suite: Klezmer Reimagined“ mit dem Jazzpianisten Uli Geissendoerfer – eine originelle Interpretation längst vergessener jüdischer Musik aus der Ukraine.
Der Pianist und Komponist David Sosin wuchs in Rye, New York, und München auf und hat seine Kompositionen für Stummfilme oft zusammen mit seiner Frau, der Sängerin und Perkussionistin Joanna Seaton, im Lincoln Center, im MoMA, im BAM, in der National Gallery und auf großen Filmfestivals in New York, San Francisco, Telluride, Hollywood, Pordenone, Bologna, Shanghai, Bangkok, Berlin, Wien, Moskau und Jecheon in Südkorea aufgeführt. Er nimmt für Criterion, Kino, Milestone und Flicker Alley auf, und seine Kompositionen sind häufig auf TCM zu hören. Sosin hat Aufträge vom MoMA, dem Chicago Symphony Chorus, dem San Francisco Chamber Orchestra und dem Jerusalem Symphony Orchestra erhalten. Er lebt mit seiner Familie im ländlichen Connecticut.
Eintritt: 10 €