Antisemitismus – ein Geschwür, das es zu vernichten gilt

Martin Luther und Voltaire, Immanuel Kant und Friedrich Hegel, Richard Wagner und Martin Heidegger waren – Antisemiten, wenn es auch erst 140 Jahre her ist, daß sich deutsche Journalisten und Politiker als „Antisemiten“ outeten und stolz diese Benennung schändlichen Denkens vor sich her trugen. Aus jahrhundertealten Vorurteilen, Feindschaften und Verleumdungen, aus gefälschten Texten und Behauptungen mixten sie ein widerliches Gebräu und verstanden sich als Patrioten Europas gegen die Judisierung des Abendlandes. Und waren nichts Anderes als Volksverhetzer, Brunnenvergifter und Wegbereiter der nationalsozialistischen Staatsverbrechen.

Eigentlich ist es unbegreiflich, daß eine Verschwörungstheorie wie der Antisemitismus ernsthaft bekämpft werden muß. Aber er ist verantwortlich für die größten Verbrechen des 20. christlichen Jahrhunderts und die Auseinandersetzungen mit der Shoa treiben einem immer noch Wut ins Herz und Tränen in die Augen.

Antisemiten brauchen keine Juden und keine Wissenschaft, um ihr Gift zu rechtfertigen, sie sind immun gegen Argumente und direkte Begegnungen. Ihre Vorstellungen suchen sich Begründungen – nicht umgekehrt.

Dennoch wollen wir uns bei den 29. Tagen der jüdischen Kultur explizit mit dem Antisemitismus auseinandersetzen, weil wir wissen, wohin er führen kann. Wir werden verschiedene Erscheinungsformen untersuchen und fragen auch nach den Ursachen: Warum suchen Menschen ihren Ängsten mit übertriebenen Ordnungsvorstellungen, mit dem Wunsch nach einem starken Staat, mit Fremdenfeindlichkeit und Antiintellektualismus zu begegnen? Warum vergöttern sie Jugend, Elite und Männlichkeit ? Warum sind sie sich so unsicher, daß sie Mythen und Rituale bemühen, um Dekadenz, Diversität und Kompromisse zu bekämpfen?

Vielleicht auch, weil wir zu wenig Vorbild gegeben haben, Auseinandersetzungen ausgewichen sind, uns bequem einrichten wollten, wo Standhaftigkeit, Bereitschaft sich einzumischen und Engagement notwendig gewesen wären. Mit über 70 Veranstaltungen wollen wir wieder, Lebensfreude, Lust auf Unbekanntes und Neues und Orientierungen anbieten. Danke, dass Sie dabei sind.

Egmont Elschner
Vorsitzender Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz e.V.