Eröffnung

der 28. Tage der jüdischen Kultur am 9. März 2019

Die Krähen schrei’n 
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Meine Damen und Herren,

Wenn Friedrich Nitzsche von Krähen spricht, meint er die Rabenvögel als Vorboten des Unheils und der Kälte – „wohl dem der jetzt noch Heimat hat“…

Heimat – Ort der Sehnsucht, Ort der Verzweiflung

Mit unserem Motto behaupten wir, Heimat, das sei ein Ort oder eine Verortung. Aber wir wissen, es geht um ein Gefühl, um das Gefühl zu Hause zu sein, zwischen Vertrautem und im Geborgenen. Heimat korrespondiert mit Familie, mit Kindheit und Altersruhe. Heimat, das steht auch für Idylle – mal kitschig: blauer Himmel, dunkle Berge, satte Auen, plätschernde Bäche, glückliche Kühe, (Unser Dorf soll schöner werden) – mal realistisch: Heinrich Zille: seine Hinterhöfe und Rotzjungen. Prosaischer heißt es, Heimat ist der Ort, wo die Rechnungen ankommen (Heiner Müller).

Am intensivsten wird er erlebt, wenn man weg ist, und sie einem fehlt. Das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh. Heimat ist kein Ort ein ou topoi, eine Utopie. Etwas, das gewonnen, geschaffen werden muß.

Hier ist Heimat Erinnerung, Projektion, ein Ungefähres Rosiges gegen das Konkrete Jetztzeitige, die Gegenwart. Und das Ungefähre Rosige wird zur Waffe. Der nomadische homo sapiens, der sich seit 500.000 Jahren durch Unruhe, Neugierde und Entdeckergeist auszeichnet, verteidigt seine Scholle, seine Grenzen, seine Regeln, seine Kultur, Alles, was er der Natur als seinen Anspruch entgegengesetzt hat. Und dieser homo sapiens nutzt nun seine Heimat als Abgrenzung und Auszeichnung vor den Anderen, den Fremden.

Und wir dachten, der Begriff Heimat sei durch den Nationalismus obsolet geworden, vielleicht sogar reaktionär besetzt. Aber schon Kurt Tucholsky wies darauf hin: „Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja – zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.“ und – „Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

Was unterscheidet denn nun unser Tucholskysches Ja vom Ja der selbsternannten Patrioten und Vaterländer ? Es ist die „stille Liebe“, der stille Stolz, der gerne mit den Alleinstellungsmerkmalen der Burg Kriebstein angibt und teilhaben lassen möchte an den Schönheiten unseres Landes. Diese Heimatliebe will teilen, nicht Zäune oder Mauern.

Die frühen Menschen machten sich die Erde untertan als Heimatlose. In vielen Religionen ist die Heimat ein Ziel im Jenseits, auf Erden ist der Gläubige heimatlos.  Wird in der Religion aber seßhaft  „Hoffe auf den HERRN und tue Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.“

Heimat ist der Ort, wo man zur Ruhe kommen kann, wie im 23. Psalm: „Der Herr weidet mich, mir fehlt es an nichts, auf grünen Wiesen läßt er mich lagern, zu Wassern der Ruhe leitet er mich sanft.“

Oder Micha 4 „In der Zukunft der Tage geschieht’s … Er wird zwischen vielen Völkern schlichten und mächtige Nationen zurechtweisen bis hin zu den fernsten. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Winzermessern.“

Andererseits: Wer kann Gastfreundschaft gewähren? Heimat, einen Raum auf Zeit? – Der Seßhafte, de Besitzbürge (der Beheimatete bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts), der allerdings auch die Pflicht zur Gastfreundschaft hat, wenn er zu den Anständigen gehören will.

Nun hatten wir schon festgestellt, daß es viele Heimate gibt. Und was Heinrich Heine das portable Vaterland nennt, hat Rose Ausländer in die Verse „Und Gott gab uns // das Wort // und wir wohnten im Wort // und das Wort ist // unser Traum // und der Traum // ist unser Leben // gefaßt. So kann ein Buch, eine Religion und eine Kultur Heimat sein. Das erleben Juden in den Synagogen, Christen in ihren Kirchen und Muslime in ihren Moscheen.

Andereseits: Für manche Seeleute sind es die Hafenkneipen, für Intellektuelle eher Cafés. Wer es sich leisten kann und es gelernt hat, der findet Heimat in Museen und Konzertsälen. Denn an diesen Orten entstehen Gemeinschaften, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Hier versteht man sich, ohne sich ständig erklären zu müssen, lacht über die gleichen Witze, erlaubt sich die gleichen politischen Unkorrektheiten. „Wenn der Narr gewollt sein meiner, hätt ich auch gelacht!“

Und wer wollte bestreiten, daß es einen Geruch (Flieder oder Braunkohle) und einen Geschmack (Rotkraut oder Stollen) von Heimat geben kann. Ja, Heimat zu beschwören wird nach neuen Berichten gar als Therapie eingesetzt. In einem Dresdner Altersheim wird Demenz mit dem Vortäuschen eines DDR-Alltags begegnet. Wenig einfühlsam ließe sich sagen: Kollektive Demenz zur Behandlung privater Demenz und das ausgerechnet in Dresden, dem Gründungsort – des Bundes Deutscher Heimatschutz 1904.

Nun haben wir hinlänglich der Sehnsucht Raum gegeben, wie steht es aber mit der Verzweiflung? Der Angst vor Verlust der Heimat, vor Überfremdung, vor tiefgreifenden Veränderungen.

Da ist zum Einen die wirkliche Verzweiflung der Heimatvertriebenen über das Verlorene, einen geliebten Menschen, eine gute Position, ein vertrautes Zuhause, eine sichere Umgebung (Kernkraftwerke). Viele, die aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns kamen, mußten bilanzieren zwischen Vertrautem, Heimatlichem und ständiger Bedrohung und Perspektivlosigkeit. Ihre Bilanz brachte sie nach Deutschland. Hier begegneten ihnen Viele mit Mißtrauen, sie suchten und fanden neue Gemeinsamkeiten, an denen sie manchmal verbissen festhalten und nun ihrerseits mißtrauisch neue Fremde beobachten – man hat schon Geflüchtete von 2010 über die vielen Flüchtlinge von 2015 schimpfen hören.

Dieser Verzweiflung realen Verlustes oder großer Leiden ist nur mit Hilfsbereitschaft und Teilung des Reichtums zu begegnen. Der Islam fordert 2,5 % des monatlichen Einkommens als Almosen, die Christen sind auch über die Kirchensteuer hinaus gefordert.

Ubi bene – ibi patria. Ist eine alte sozialistische Formel.

Da ist aber zum Andern die Verzweiflung der Wutbürger und -bürgerinnnen. Ihrer Verzweiflung ist mit Statistiken und Fakten nicht beizukommen. Sie glauben zu fühlen, was sie befürchten. Sie beschwören Abgründe und Verbrechen herauf, die tief blicken lassen. Vergewaltigungs- und Mordphantasien steigern sie zu realen Ängsten. Eine verdammenswerte Messerstecherei Betrunkener nach einem Stadtfest in der Nacht wird zum symbolischen Kampf eines Helden gegen Unholde stilisiert, aus einem kriminellen Vorgang wird ein Heiliger Krieg. Diese Verzweiflung verlangt nach beständiger Abwehr und Zuverläßigkeit. Gesetzwidriges Verhalten ist selbstverständlich und in Ruhe zu ahnden. Der Hitlergruß eines Rüpels darf das jahrelange Engagement von Politik und Verwaltung nicht erschüttern. Antisemitismusbeauftragte des Bundes und der Länder müssen das Ziel haben, sich selbst überflüssig zu machen. Wir Veranstalter der Tage der jüdischen Kultur verstehen unsere Tage als Heimattage. Wir laden zu 78 Veranstaltungen vieler Gattungen ein. Wir sind mehr als 20 Veranstalter unterschiedlicher Meinungen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung bis zur Katholischen Akademie Meißen/Dresden, von Denkart auf dem Sonnenberg bis zum Lehmanns Café, von der jüdischen Gemeinde bis zu den Theatern Chemnitz, vom SMAC bis zur Lila Villa, vom Metropol bis zum Student_InnenRat der TU Chemnitz, Wir sind dankbar über die gute Unterstützung hier im Hause und in der Stadt. Wir laden Sie im Anschluß auf einen koscheren Wein und ein anschließendes Konzert ein.

Heimat ist kein Besitzanspruch, Heimat ist ein Privileg, das durch Teilung reicher und schöner wird. Aber:

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n –
Weh dem, der keine Heimat hat

Schalom und Toda raba – Friede und vielen Dank.

egmont elschner